Premiere 01.03.2014
› Kleines Haus 1
Corpus Delicti
von Juli Zeh
Mit den Studentinnen und Studenten des Schauspielstudios Dresden
Mit den Studentinnen und Studenten des Schauspielstudios Dresden
Handlung
Juli Zeh entwirft in CORPUS DELICTI das Science-Fiction-Szenario einer Gesundheitsdiktatur irgendwann im 21. Jahrhundert. Sie zeichnet ein System, das alle und alles kontrolliert. Gesundheit ist zur höchsten Bürgerpflicht geworden. Die „Methode“ verlangt ein festes Sportpensum ebenso wie die Abgabe von Schlaf- und Ernährungsberichten. Buchstäblich über jeden Schritt seiner Bürger ist dieser Staat informiert. So auch über Mia Holl, die sich nach dem Selbstmord ihres Bruders vor einem Schwurgericht verantworten muss. Sie besitzt ein Zuviel an Liebe (zu ihrem Bruder), ein Zuviel an Verstand (sie denkt naturwissenschaftlich) und ein Übermaß an geistiger Unabhängigkeit. In einer Gesellschaft, in der die Sorge um den Körper alle geistigen Werte verdrängt hat, reicht diese Innenausstattung aus, um als gefährliches Subjekt eingestuft zu werden. Mia Holl gerät ins Visier des Systems, und plötzlich geht es um mehr als um das nicht geleistete Sportpensum: Es soll bewiesen werden, dass ihr Bruder, verurteilt wegen einer angeblichen Vergewaltigung, unschuldig ist.
Wie weit kann und wird der Staat individuelle Rechte einschränken? Gibt es ein Recht des Einzelnen auf Widerstand? Die Regisseurin Susanne Lietzow (KLAUS IM SCHRANK) geht diesen Fragen gemeinsam mit den Studentinnen und Studenten des Schauspielstudios Dresden nach.
Wie weit kann und wird der Staat individuelle Rechte einschränken? Gibt es ein Recht des Einzelnen auf Widerstand? Die Regisseurin Susanne Lietzow (KLAUS IM SCHRANK) geht diesen Fragen gemeinsam mit den Studentinnen und Studenten des Schauspielstudios Dresden nach.
Besetzung
Regie
Susanne Lietzow
Bühne und Kostüme
Marie-Luise Lichtenthal
Video
Petra Zöpnek
Musik
Gilbert Handler
Licht
Dramaturgie
Robert Koall, Felicitas Zürcher
Mia Holl
Nina Gummich
Moritz Holl
Kilian Land
Die ideale Geliebte
Nadine Quittner
Würmer
Justus Pfankuch / Gregor Knop
Würmer alternierend
Matthias Luckey
Kramer
Lukas Mundas
Richterin Sophie
Pauline Kästner
Staatsanwalt Bell
Tobias Krüger
Anwalt Rosentreter
Max Rothbart
Chor der Nachbarinnen
Tobias Krüger, Kilian Land, Max Rothbart
Keyboard
Keyboard alternierend
Tomas Kreibich
Video
Erinnern Sie sich noch an 2007? Das war das europäische Jahr der Chancengleichheit, der Bundestag beschloss die Rente mit 67 sowie die Entsendung von Kampfflugzeugen nach Afghanistan am selben Tag, und im Sommer fand der G8-Gipfel in Heiligendamm statt. Im Herbst wurde damals eine Änderung des Sozialgesetzbuches diskutiert. Die geplante Neuregelung sah vor, dass Vertragsärzte – entgegen ihrer ärztlichen Schweigepflicht – den Krankenkassen mitteilen müssten, wenn Patienten Krankheiten „selbst verschuldet“ hätten.
Die Schriftstellerin Juli Zeh attestierte damals eine „Erosion des demokratischen Denkvermögens“. Die krankheitstypischen Äußerungen von infizierten Personen: „Der Rechtsstaat muss verteidigt werden, aber in Zeiten wie diesen hat Sicherheit Vorrang“ (ein eifriger Minister). Oder: „Dann sollen sie halt Festplatten scannen – das betrifft ja nicht Leute wie mich, die nichts zu verbergen haben“ (ein unbescholtener Bürger). Die Mitteilungspflicht der Ärzte wurde 2008 gesetzlich verankert.
Die Auseinandersetzungen um den sogenannten „Bundestrojaner“ (eine Software zum Ausspähen von Daten auf Computern, deren Einsatz nach Einschätzung der Generalstaatsanwaltschaft München ohne gesetzliche Grundlage erfolgte) sowie die Kritik des Bundesdatenbeauftragten an den Datenerhebungen der Krankenkassen über ihre Versicherten können als aktuelle Beispiele der von Juli Zeh diagnostizierten Erosion des demokratischen Denkvermögens gelten.
Erinnern Sie sich schon an das Jahr 2057? Das Jahr, in dem Juli Zehs Stück „Corpus Delicti“ spielt? Der Science-Fiction-Thriller ist Krimi und Ideendrama gleichermaßen. Die Autorin versetzt uns ins Jahr 2057, in einen Staat, der seine Bewohner bis ins Intimste hinein kontrolliert.
Als Gedächtnisstütze ein Auszug aus Juli Zehs Beitrag für die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ der dort am 5.10.2007 veröffentlicht wurde:
„Die Diagnose vorab. Sie lautet: Erosion des demokratischen Denkvermögens im fortgeschrittenen Stadium. Verbreitungsgrad des Syndroms: epidemisch. Die Optimisten unter uns glauben bislang, die Ausbreitung des beschriebenen Krankheitsbilds beschränke sich auf den sogenannten Anti-Terror-Kampf. Sie beobachten den Umbau eines auf Notlagen reagierenden Wohlfahrtsstaates in ein präventiv denkendes und handelndes Kontrollsystem und reden sich ein, es handele sich nicht um eine dauerhafte Entwicklung, nicht um ein grundsätzliches Umdenken in Sachen Bürger-Staat-Verhältnis. Das Bundesgesundheitsministerium arbeitet an einer Gesetzesinitiative, die Ärzte verpflichten soll, unter Aufhebung der Schweigepflicht bestimmte Patienten bei den Krankenkassen zu melden. Und zwar solche Patienten, die an ihrem jeweiligen Leiden selbst schuld sind. Als Beispiele werden die Folgen von Tätowierungen, Piercings oder Schönheitsoperationen genannt.
Die Schriftstellerin Juli Zeh attestierte damals eine „Erosion des demokratischen Denkvermögens“. Die krankheitstypischen Äußerungen von infizierten Personen: „Der Rechtsstaat muss verteidigt werden, aber in Zeiten wie diesen hat Sicherheit Vorrang“ (ein eifriger Minister). Oder: „Dann sollen sie halt Festplatten scannen – das betrifft ja nicht Leute wie mich, die nichts zu verbergen haben“ (ein unbescholtener Bürger). Die Mitteilungspflicht der Ärzte wurde 2008 gesetzlich verankert.
Die Auseinandersetzungen um den sogenannten „Bundestrojaner“ (eine Software zum Ausspähen von Daten auf Computern, deren Einsatz nach Einschätzung der Generalstaatsanwaltschaft München ohne gesetzliche Grundlage erfolgte) sowie die Kritik des Bundesdatenbeauftragten an den Datenerhebungen der Krankenkassen über ihre Versicherten können als aktuelle Beispiele der von Juli Zeh diagnostizierten Erosion des demokratischen Denkvermögens gelten.
Erinnern Sie sich schon an das Jahr 2057? Das Jahr, in dem Juli Zehs Stück „Corpus Delicti“ spielt? Der Science-Fiction-Thriller ist Krimi und Ideendrama gleichermaßen. Die Autorin versetzt uns ins Jahr 2057, in einen Staat, der seine Bewohner bis ins Intimste hinein kontrolliert.
Als Gedächtnisstütze ein Auszug aus Juli Zehs Beitrag für die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ der dort am 5.10.2007 veröffentlicht wurde:
„Die Diagnose vorab. Sie lautet: Erosion des demokratischen Denkvermögens im fortgeschrittenen Stadium. Verbreitungsgrad des Syndroms: epidemisch. Die Optimisten unter uns glauben bislang, die Ausbreitung des beschriebenen Krankheitsbilds beschränke sich auf den sogenannten Anti-Terror-Kampf. Sie beobachten den Umbau eines auf Notlagen reagierenden Wohlfahrtsstaates in ein präventiv denkendes und handelndes Kontrollsystem und reden sich ein, es handele sich nicht um eine dauerhafte Entwicklung, nicht um ein grundsätzliches Umdenken in Sachen Bürger-Staat-Verhältnis. Das Bundesgesundheitsministerium arbeitet an einer Gesetzesinitiative, die Ärzte verpflichten soll, unter Aufhebung der Schweigepflicht bestimmte Patienten bei den Krankenkassen zu melden. Und zwar solche Patienten, die an ihrem jeweiligen Leiden selbst schuld sind. Als Beispiele werden die Folgen von Tätowierungen, Piercings oder Schönheitsoperationen genannt.
,Natürlich!‘, ruft der von Demokratie-Erosion infizierte Bürger. ,Wenn sich jemand partout selbst verletzen will, warum soll die Solidargemeinschaft die Kosten dafür tragen?‘ Die Regierung hat nicht weniger vor, als das Privateste, Intimste, das uns zu eigen ist, zur Staatssache zu erheben: den menschlichen Körper. Dabei wird die Idee einer flächendeckenden (von Beitragszahlern finanzierten!) Krankenversicherung in ihr Gegenteil verkehrt. Nicht das Krankenkassensystem schuldet uns Beistand in der Not – sondern wir schulden dem System die unbedingte Aufrechterhaltung unserer Gesundheit! ,Krankheit‘ wird potenziell mit ,Schuld‘ identifiziert.
Tätowierte, Gepiercte und Schönheitsoperierte, so der Gesetzesentwurf, gehören schon mal zu den schwarzen Schafen. Auch Patienten, die sich durch ein von ihnen begangenes Verbrechen selbst geschädigt haben, sollen laut der neuen Initiative gemeldet werden. Wer also beim Kirschenklauen vom Baum fällt, sollte besser keinen Arzt aufsuchen. Und um die neue staatliche Zugriffsgewalt endgültig in ein weites Feld zu verwandeln, soll die Meldepflicht generell für Krankheiten gelten, die sich der Patient ,vorsätzlich‘ zugezogen hat. In der Sprache der Juristen bedeutet einfacher Vorsatz, eine bestimmte Folge ,billigend in Kauf zu nehmen‘. Nimmt also der Raucher den eventuellen Lungenkrebs billigend in Kauf? Der Alkoholiker die Leberzirrhose? Der Schokoladenliebhaber sein Übergewicht? Der Fußballspieler den Bänderriss, der Autofahrer das Schleudertrauma? Und wie haben wir uns das Antlitz eines Behördenapparats vorzustellen, der in all diesen Situationen das Urteil ,schuldig‘ oder ,unschuldig‘ fällt?
Auf jeden Fall hässlich. Es wäre ein Staat, der seinen Bürgern vorschreibt, auf welche Weise sie mit ihrer höchstpersönlichen Physis zu verfahren haben – beim Sport, beim Essen, beim Glühbirnenwechsel im Badezimmer – letztlich bei jeder denkbaren Alltagsbewegung. Die Kernidee der Demokratie wurzelt in jenem kleinen, intimen Bereich, in dem der Mensch frei ist, also die volle Hoheitsgewalt über sich selbst besitzt.
Wer an diesen Grundsätzen rüttelt, pervertiert unser immer noch gültiges Menschen- und Gesellschaftsbild.“
Juli Zeh wurde 1974 in Bonn geboren und ist Juristin und Schriftstellerin. Sie debütierte 2001 mit dem Roman ADLER UND ENGEL, für den sie 2002 den Deutschen Buchpreis erhielt. Darüber hinaus schreibt sie Kurzgeschichten, Essays und Theaterstücke, u. a. CORPUS DELICTI, wofür sie 2008 mit dem erstmals verliehenen Jürgen-Bansemer-und-Ute-Nyssen-Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde.
Tätowierte, Gepiercte und Schönheitsoperierte, so der Gesetzesentwurf, gehören schon mal zu den schwarzen Schafen. Auch Patienten, die sich durch ein von ihnen begangenes Verbrechen selbst geschädigt haben, sollen laut der neuen Initiative gemeldet werden. Wer also beim Kirschenklauen vom Baum fällt, sollte besser keinen Arzt aufsuchen. Und um die neue staatliche Zugriffsgewalt endgültig in ein weites Feld zu verwandeln, soll die Meldepflicht generell für Krankheiten gelten, die sich der Patient ,vorsätzlich‘ zugezogen hat. In der Sprache der Juristen bedeutet einfacher Vorsatz, eine bestimmte Folge ,billigend in Kauf zu nehmen‘. Nimmt also der Raucher den eventuellen Lungenkrebs billigend in Kauf? Der Alkoholiker die Leberzirrhose? Der Schokoladenliebhaber sein Übergewicht? Der Fußballspieler den Bänderriss, der Autofahrer das Schleudertrauma? Und wie haben wir uns das Antlitz eines Behördenapparats vorzustellen, der in all diesen Situationen das Urteil ,schuldig‘ oder ,unschuldig‘ fällt?
Auf jeden Fall hässlich. Es wäre ein Staat, der seinen Bürgern vorschreibt, auf welche Weise sie mit ihrer höchstpersönlichen Physis zu verfahren haben – beim Sport, beim Essen, beim Glühbirnenwechsel im Badezimmer – letztlich bei jeder denkbaren Alltagsbewegung. Die Kernidee der Demokratie wurzelt in jenem kleinen, intimen Bereich, in dem der Mensch frei ist, also die volle Hoheitsgewalt über sich selbst besitzt.
Wer an diesen Grundsätzen rüttelt, pervertiert unser immer noch gültiges Menschen- und Gesellschaftsbild.“
Juli Zeh wurde 1974 in Bonn geboren und ist Juristin und Schriftstellerin. Sie debütierte 2001 mit dem Roman ADLER UND ENGEL, für den sie 2002 den Deutschen Buchpreis erhielt. Darüber hinaus schreibt sie Kurzgeschichten, Essays und Theaterstücke, u. a. CORPUS DELICTI, wofür sie 2008 mit dem erstmals verliehenen Jürgen-Bansemer-und-Ute-Nyssen-Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde.
Diese Jugend führt nun keineswegs dazu, dass eine drastische Zukunftsvision vielleicht mit ähnlich drastischen theatralischen Mitteln, aber im Grunde unbekümmert vorgeführt würde. Im Gegenteil, die beklommene Begeisterung beim Schlussapplaus am Sonnabend im Kleinen Haus hatte mit dem Eindruck zu tun, dass diese jungen Leute auch ihre Lebensfragen wirklich berührt sehen. Die knapp zwei Stunden sind von starker suggestiver Wirkung, ohne gekünstelt zu überziehen. Juli Zehs komprimierte, protokollierende und pointierende Sprache findet ihre Entsprechung im Gestus von Regie und Auftreten. Es gibt manche bis ins Revier des absurden Theaters reichende Überhöhung zu sehen, Tempo bei schnellen Szenenwechseln, aber auch Ungesagtes eine Ebene tiefer zu erleben … ein Menetekel angesichts mancher sich heute wieder einschleichender Methoden.“